Eine prägende Gestalt - Marieluise Santifaller 1934 - 2008
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Eine prägende Gestalt - Marieluise Santifaller 1934 - 2008

Dass Naturwerkstein heute in vor kurzem noch weitgehend unbekannten Farben, Texturen und Bearbeitungen versetzt wird, ist Branchenjüngeren selten einer Überlegung wert. Dass steinerne Gebäudehüllen, seien sie nun aus Kalkstein oder Marmor, Granit, Gneis oder Quarzit, immer öfter mit Architekturpreisen ausgezeichnet werden, ist ebenfalls gar nicht so selbstverständlich, wie es manchem anmutet. Dass Naturstein sich im beginnenden 21. Jahrhundert als unfraglicher Bestandteil nicht nur von Investoren-Architektur sondern auch von ästhetisch anspruchsvollen, bisweilen auch avantgardistischen Konzepten darstellt, erscheint im Rückblick auf die vergangenen 50 Jahre überraschend, ist es doch Resultat einer an Widersprüchen reichen und von vielfältigen Einflüssen geprägten Entwicklung, an deren Anfang - zumindest bei den „fortschrittlichen“ Architekten - die totale Ablehnung des Natursteins stand. Marieluise Santifaller hat die Veränderungen und Transformationen der deutschen Natursteinbranche fast ein halbes Jahrhundert lang begleitet.

Mit einem kleinen Betrieb zunächst in München, später im nicht weit entfernten Ismaning hat sie in den 60er und 70er Jahren in meist bescheidenen Dimensionen vorwiegend Marmor für Einfamilienhäuser und Geschosswohnungsbau geliefert. Beim Münchner Olympiadorf, bei mehreren U-Bahn-Stationen war sie ebenso beteiligt wie bei einer ganzen Reihe von Wohnsiedlungen, die im Umfeld der bayerischen Landeshauptstadt entstanden. Die zweckgebundene, oft wenig anspruchsvolle Architektur dieser Jahre, vom Gründungsdirektor des Deutschen Architekturmuseums Heinrich Klotz treffend als Bauwirtschaftsfunktionalismus beschrieben, hatte auch für die Schönheit des Natursteins wenig übrig. Man beschränkte sich auf Treppenhäuser, Fensterbänke, Boden- und Gartenplatten, neben Werkstein deutscher Herkunft meist gelblicher oder grauer Farbtönung kam vorzugsweise italienischer Botticino oder Travertin zum Einsatz. Aus Südtirol stammend, in beiden Kulturen und Sprachen heimisch, konnte Marieluise Santifaller diesen Vorsprung nutzen und ihre Kontakte zu italienischen Lieferanten im Veroneser und im Römischen Raum sowie im Aostatal und Sizilien ausbauen. Vor allem erkannte sie das Potential der Region um Carrara, die, aufbauend auf eine reiche, mehr als 2000-jährige Tradition der Steinverarbeitung, in der Lage war, handwerkliche Meisterschaft, industrielle Bearbeitung und internationale Marktkenntnis zu kombinieren, um Naturwerkstein in beinahe allen gewünschten Farben, Dichten, Oberflächeneigenschaften und Qualitätsmerkmalen zur Verfügung zu stellen.

Als es mit der Postmoderne der 80er Jahre in Mode kam, Großbauten mit blank polierten Graniten zu verblenden und Steine aus Brasilien, Indien, Südafrika oder dem Baltikum zu verwenden, hatten die Natursteinbetriebe aus Carrara, Forte di Marmi, Versiglia eine Katalysatorfunktion - und „la signora“ Santifaller, wie sie auch von deutschen Abnehmern genannt wurde, öffnete den Italienern in nie gekanntem Umfang den Weg nach Deutschland - mitunter auch zum Unwillen manch’ Verbandsoberer in Deutschland. Ob sich nun das „Atricom“ in Frankfurt, das neue Rathaus in Dortmund oder die Stadtsparkasse in Mönchengladbach ein Kleid aus „Salmon Pink“, die Volksbank in Bochum-Langendreer sich ein Kostüm aus „Baltic Brown“ oder das Postfernmeldeamt in Eschborn sich eine Hülle aus „Bianco Sardo“ überzog - die Maßlisten für diese Fassaden liefen über den Schreibtisch von Marieluise Santifaller. Weitere, von ihr mit Herzblut abgewickelte Projekte waren - schon in den Boom der Nachwendezeit ragend - der neue Boden der renovierten Münchner Frauenkirche (Grigio Billiemi, Rosso Vaticano), der Terminal II des Frankfurter Flughafens (Tarn Granit) und die LVA in Berlin (Santa Cecilia, Verde Lavras).

Parallel zur gestiegenen gesellschaftlichen Akzeptanz der Umweltschutzbewegung wurden nach dem Mauerfall grüne Farbtöne en vogue. Und wieder sicherte sich Marieluise Santifaller mit ihren Kontakten ins Schweizerische Andeer und ins italienische Ventlin einen Marktvorteil. Eine neue, ideologisch unbelastete Architektengeneration, die in ihren Entwurfsprozessen auch städtebaulichen Fragen nicht aus dem Blick verlor, entdeckte den Reichtum der Natur neu – und damit auch das Potential des Natursteins. Mit ihrer profunden Materialkenntnis, ihrer tatkräftigen Energie und professionellen Neugier, mit ihrer Entschlossenheit und ihrem Charme wurde la Santifaller zur bevorzugten Ansprechpartnerin von prominenten Architekten wie Hans Hollein (Haas-Haus, Wien; Museum für Moderne Kunst, Frankfurt), Axel Schultes (Krematorium Baumschulenweg und Kanzleramt, Berlin), Hans Kollhoff (Außenministerium, alter Teil, Berlin), Meinhard von Gerkan (Allianz, Frankfurt/M) oder Müller Reimann (Außenministerium, neuer Teil, Berlin; Fakultätsgebäude, Frankfurt/M). Als 2005 mit der Kirche St. Leopold von Otto Wagner in Wien eines der weltweit wichtigsten Werke des Jugendstils renoviert wurde, griff man einmal mehr auf Marieluise Santifaller zurück. Ihre Warnungen, den Ostasiaten eine technische Infrastruktur zur Steinbearbeitung zur Verfügung zur stellen, verhallten bei den Spezialmaschinenherstellen südlich der Alpen dagegen ohne Resonanz. Seitdem überschwemmt chinesische Billigware den Markt – nicht nur in Deutschland. Die Baukrise zu Anfang des neuen Jahrhunderts überstand auch Marieluise Santifaller nicht ohne unerfreuliche Konsequenzen, doch die Renaissance von beigen und gelblichen Farbtönen weckte neue Energie in ihr. Nach kurzer, schwerer Krankheit ist Marieluise Santifaller am 27. April diesen Jahres verstorben. Mit ihr verliert die deutsche und die italienische Natursteinbranche eine ihrer prägenden Gestalten.

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Enrico SantifallerArchitekturjournalist + Autor BDA ao.
Santifaller
Der Naturstein im Hintergrund ist Branco Ipanema aus Brasilien.
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